Bellaria Kino Wien – Räumliche Neuordnung im Zuge der Wiedereröffnung 2026

Nehmen Sie hoch das Bein, treten Sie ein.

Lineares Gefälle im Bestand

Terrassierung als räumliche Ordnung

Ausgangslage

Das Bellaria Kino zählt zu den ältesten Wiener Kinos Wiens und stellt als sogenanntes Ladenkino ein wesentliches Zeugnis früher Wiener Kinokultur dar. Das denkmalgeschützte Eingangsportal mit Neon-Schriftzug und seitlicher Wandverkleidung aus Aluminium-Trapezblech bildet einen zentralen Bestandteil der historischen Eingangssituation des Hauses.

Das Gebäude ist Teil eines über Jahrzehnte gewachsenen Bestands mit unterschiedlichen räumlichen, technischen und historischen Schichten. Im Zuge der Bestandsanalyse werden unter anderem historische Planunterlagen des Architekten Rudolf Erdös, spätere Umbauten sowie denkmalpflegerische Dokumentationen ausgewertet.

Das Bellaria Kino befindet sich innerhalb der Sockelzone des Gebäudes und gliedert sich in zwei funktional getrennte Bereiche: Kinosaal und Gastraum. Unterschiedliche Nutzungsanforderungen, technische Infrastrukturen und historische Überlagerungen prägen die räumliche Organisation des Bestands.

Im Zuge der Wiedereröffnung im April 2026 wurde das Bellaria Kino durch umfassende Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen räumlich, technisch und funktional neu geordnet. Ziel war die Weiterentwicklung des denkmalgeschützten Bestands unter Erhalt seiner historischen Identität.

Foto: Mag. Elisabeth Krebs

Der Bestandsraum des Kinosaals ist durch eine Abfolge aus Rampen und Podesten organisiert. Diese räumliche Struktur folgt unmittelbar der Funktion des Kinos sowie der vertikalen Staffelung der Sitzreihen. Der angrenzende Gastraum übernimmt dieses lineare Gefälle und führt die topografische Ordnung des Saals weiter. So entsteht eine niveaugleiche Verbindung zwischen Kino und Gastronomie, ohne die bestehende Höhenentwicklung aufzulösen.

Im Unterschied zum Saal bleibt diese Struktur im Gastraum jedoch weitgehend unbeantwortet. Möblierung und Nutzung greifen die vorhandene Geometrie nicht auf. Der Raum nutzt die topografische Situation nicht, sondern steht ihr entgegen.

Parallel dazu entsteht über Jahre hinweg eine fragmentierte technische Infrastruktur aus zahlreichen nachträglichen Eingriffen. Lüftung, Leitungsführungen und Einbauten verlaufen ohne übergeordnete Ordnung. Eine wirksame akustische Entkopplung zwischen den Bereichen fehlt. Schallübertragungen und unzureichende Raumakustik verhindern einen zeitgemäßen Betrieb.

Prinzip

Das Projekt versteht die bestehende Rampen- und Podeststruktur nicht als Defizit, sondern als räumlichen Ausgangspunkt.

Die im Kinosaal funktional begründete Topografie wird im Gastraum weitergeführt und räumlich weiterentwickelt. Durch Terrassierung entstehen präzise definierte Ebenen, die trotz der Neigung unterschiedliche Formen des Sitzens, Verweilens und Bewegens ermöglichen.

Die Architektur ergänzt den Bestand nicht durch Gegenformen, sondern entwickelt ihn aus der vorhandenen Geometrie weiter. Möbel, Einbauten und technische Infrastruktur folgen derselben räumlichen Logik und werden integraler Bestandteil des Systems.

Im Verlauf des Entwurfsprozesses werden unterschiedliche Organisationsformen – darunter Insel-Lösungen und zeilenartige Strukturen – untersucht, räumlich getestet und wieder verworfen, bis sich die räumliche Ordnung des Gastraums als konsequente Weiterführung des Bestands herausbildet.

So entsteht kein neutraler Gastraum, sondern eine räumliche Sequenz, die Bestand, Nutzung und Bewegung miteinander verknüpft.

Schematische Grundrissdarstellung des Bellaria Kino Wien mit räumlicher Organisation des Gastraums entlang der bestehenden Gefällestruktur

Schematische Grundrissdarstellung: Räumliche Organisation des Gastraums entlang der Gefällestruktur.

Längsschnitt Bellaria Kino: Systemische Korrespondenz der Gefälle. Die notwendige Rampe des Kinosaals bedingt die analoge Schräge im Gastraum zur Ermöglichung stufenloser Querverbindungen. Architektur Andreas Haselgruber.

Schematischer Schnitt: Systemische Korrespondenz der Gefälle. Die notwendige Rampe des Kinosaals bedingt die analoge Schräge des Gastraums zur Ermöglichung stufenloser Querverbindungen.

Umsetzung

Die zuvor fragmentierte Struktur wird in ein zusammenhängendes System überführt. Konstruktion, Technik und Nutzung werden neu geordnet und miteinander verzahnt. Im Zuge des Umbaus werden technische Infrastruktur, Raumakustik, Lüftung, Möbeleinbauten und räumliche Organisation grundlegend neu entwickelt. Diese Maßnahmen schaffen die räumlichen, technischen und funktionalen Voraussetzungen für die Wiedereröffnung des Bellaria Kinos.

Die Umsetzung entwickelt den Entwurf schrittweise aus dem Bestand heraus. Räumliche Struktur, technische Infrastruktur und Materialität werden dabei nicht getrennt voneinander betrachtet, sondern als zusammenhängendes System weiterentwickelt.

Der Entwurf entwickelt sich bewusst aus dem Bestand und dessen historischer Schichtung heraus. Bereits zu Beginn des Projekts fällt die Entscheidung, vorhandene Elemente wie die bestehende Tapete nicht zu ersetzen, sondern als atmosphärischen Ausgangspunkt weiterzuführen. Das Farbkonzept orientiert sich eng an der vorhandenen Material- und Farbstimmung des Ortes.

Bestandsaufnahme des Gastraums im Bellaria Kino Wien mit daraus abgeleiteter Farb- und Materialpalette

Aus dem Bestand entwickelte Farb- und Materialpalette.

Ein einzelner Sitzkörper wird anschließend als realer 1:1-Prototyp gefertigt und räumlich überprüft. Auch die Materialität bleibt Teil des Versuchs: Varianten in Zuckerlrosa und Weinrot werden direkt am Objekt untersucht. Die finale Ausführung in weinrotem Samt verbindet atmosphärische Wirkung und akustische Funktion.

Auch die Gestaltung der Bar entwickelt sich aus dem Bestand heraus. Im Kontext des gründerzeitlichen Gebäudes und der vorhandenen Jugendstil-Elemente wird die historische Formensprache nicht reproduziert, sondern abstrahiert und in eine zeitgenössische Struktur überführt.

Ausgangspunkt der Entwurfsarbeit ist das denkmalgeschützte Eingangsportal des Bellaria Kinos. Geometrie, Schriftzug, Vordach, Materialschichten und die Profilierung des Aluminium-Trapezblechs werden analysiert und in den Innenraum übertragen.

Der historische Neon-Schriftzug wird anhand von Fotografien digital rekonstruiert, vektorisiert und räumlich modelliert. Die mit Aluminium-Trapezblech verkleideten Seitenflächen des Portals werden als wiederkehrendes Element in der Bar-Rückwand aufgegriffen.

So entwickelt sich die Bar nicht als singuläres Objekt, sondern aus der konstruktiven und geometrischen Logik des bestehenden Portals heraus.

Möbel als Raum-Prototyp

Die Möbeleinbauten sind integraler Bestandteil der räumlichen Struktur. Sie wurden im Sinne eines Design-Build-Prozesses von der ersten Skizze bis zur Realisierung vor Ort entwickelt.

Diese unmittelbare Verschränkung von Entwurf und objektspezifischer Prototypentwicklung ermöglichte eine im Bestand notwendige Präzision, die über konventionelle Planungsschnittstellen kaum erreichbar gewesen wäre. Geometrien, Neigungen und Proportionen wurden iterativ untersucht, räumlich überprüft und direkt am Objekt weiterentwickelt.

Die Einbauten folgen einer wiederkehrenden konstruktiven Logik, die technische Infrastruktur, Leitungsführungen und Montagepunkte systematisch integriert.

Die Wahl der Materialität – insbesondere die Ausführung in weinrotem Samt – dient über die Ästhetik hinaus als gezielte akustische Absorptionsfläche, wodurch raumakustische Funktion und räumliche Ordnung zu einer Einheit verschmelzen.

Konstruktive 3D-Darstellung eines objektspezifischen Möbelprototyps im Bellaria Kino Wien als Grundlage für Werkplanung und Umsetzung.

Technik und Konstruktion

Zur Integration der technischen Infrastruktur wird eine klar definierte Konstruktionsebene entwickelt, die sowohl innerhalb der Möbeleinbauten als auch oberhalb der abgehängten Decken geführt wird. Integrierte Montageflächen definieren gezielte Lastpunkte innerhalb dieser Ebene und ermöglichen eine präzise Verortung technischer Aufbauten. Technische und räumliche Elemente werden nicht an der Bekleidung, sondern direkt in die tragende Struktur eingebunden.

Die Lüftung wird vollständig neu aufgebaut. Die Lüftungszentrale am stirnseitigen Ende des Gastraums bildet den Ausgangspunkt einer klaren Zu- und Abluftführung. Die Leitungen werden neu geführt und über eine zusätzliche Öffnung in der Außenwand zum Hof angebunden.

Parallel dazu wird die akustische Trennung neu hergestellt. Mehrschichtige Deckenaufbauten und gezielte Maßnahmen in Wandbereichen gewährleisten eine wirksame Entkopplung zwischen den Bereichen und gegenüber dem Bestand. Ein gleichzeitiger Betrieb wird dadurch erst möglich.

Fazit

Aus einer fragmentierten Bestandssituation entsteht ein zusammenhängendes System, das Nutzung, Technik und Raum neu ordnet. Der Gastraum wird vom Durchgangsraum zum eigenständigen Aufenthaltsort und verbindet Kino und Stadtraum zu einer durchgehenden räumlichen Erfahrung.

Mit seiner Wiedereröffnung kehrt das Bellaria Kino nach umfassenden Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen räumlich neu organisierter Ort in das Wiener Stadtgefüge zurück. Die räumliche Neuordnung versteht sich dabei als Weiterentwicklung jener frühen Wiener Kinokultur, deren wesentliches Zeugnis das Bellaria Kino bis heute gilt.

Foto: Pia Rotter

Veröffentlichung

Das Projekt Bellaria Kino Wien wurde in der Fachzeitschrift wohninsider (Ausgabe 3/2026) vorgestellt. Im Interview spricht Andreas Haselgruber über den Entwurfsprozess, den Umgang mit dem historischen Bestand sowie die Entwicklung der räumlichen und konstruktiven Idee vom ersten Konzept bis zur Umsetzung.

Projektdaten und Beteiligte
Projekt: Bellaria Kino, 1070 Wien
Auftraggeber: BDBM OG
Betreiber: Café Liebling / Votiv Kino / Filmladen
Konzept, Entwurf und Planung: Andreas Haselgruber / USAGI KG
Kinospezifische Anforderungen: Architekt Paul Giuliani
Baumeister: RIE-Bau GmbH
Lüftung: H.T. Haustechnik
Elektro: Baycon Bayik KG
Polsterarbeiten: KP Raumausstattung
Fotos: Christopher Wagner

Historische Unterlagen, Archivmaterialien und Bestandsinformationen wurden unter anderem auf Basis von Dokumentationen des Bundesdenkmalamts, historischer Archivakten sowie einer metallrestauratorischen Befundung von Mag. Elisabeth Krebs ausgewertet.

Besonderer Dank gilt Architekt Neururer für die großzügige Übermittlung früher Bestandsaufnahmen und Handskizzen. Dank gilt auch Daniel Schwarz, der die Umsetzung einzelner Möbelelemente in der finalen Projektphase unterstützt hat.