Nicht berühren

Erweiterung einer Anlegestelle

Statische Entkopplung im Bestand

Diagramm

System

Ausgangslage

Die Reaktivierung der geschichtsträchtigen, stillgelegten Anlegestelle des Vereins Ferienhort am Wolfgangsee erforderte eine umfassende bautechnische Neukonzeption.

Ziel war es, die Anlage im Zuge der Sanierung so leistungsfähig zu gestalten, dass sie künftig auch von den schweren Schiffen der Salzburg AG – mit einem Gewicht von bis zu 200 Tonnen – sicher angefahren werden kann. 

Die bauliche Ausgangssituation war jedoch sensibel: 

Eine bestehende Beton-Prallmauer auf einer Krainerwand, rückverankert über fingerartige Streifenfundamente auf felsigem Untergrund. 

Da diese historische Konstruktion empfindlich auf zusätzliche Lasten reagiert, war eine einfache Erweiterung der vorhandenen Struktur statisch nicht vertretbar.

Prinzip Berührungslos

Die zentrale Entwurfsentscheidung war daher die konsequente statische Entkopplung.

Um die historische Substanz des Ferienhorts zu schützen und gleichzeitig den modernen Anforderungen der Schifffahrt gerecht zu werden, wurde ein völlig autonomes Tragwerk entwickelt.

Das Prinzip folgt der Logik der Trennung: Die neuen, massiven Lasten werden nicht in die vorhandene Mauer eingeleitet, sondern völlig unabhängig davon in den Baugrund abgeführt.

Alt und Neu existieren am selben Ort, agieren statisch jedoch autark – so bleibt die Integrität der alten Krainerwand gewahrt.

Umsetzung

Um Raum für dieses neue System zu schaffen, wurde die Mauerkrone der Prallmauer punktuell und präzise eingeschnitten. Diese Eingriffe dienen ausschließlich der konstruktiven Freiheit und nicht der Lastaufnahme.
In den Zwischenräumen der alten Streifenfundamente wurden neue Ortbetonfundamente tief im Fels verankert.

Zum Schutz des Seewassers wurde dabei eine konsequente Trennlage zwischen Fels und Ortbeton eingebracht, die jeglichen Eintrag von Baustoffen in das Ökosystem unterbindet. Auf diesen Fundamenten lagert nun eine auskragende Stahlkonstruktion (HEB 200), welche die Anlegestelle trägt.

Das entscheidende Detail: Die Stahlträger führen durch die Bestandswand hindurch, ohne diese zu berühren. Durch diesen berührungslosen Lastabtrag wird sichergestellt, dass die Bestandsmauer vollkommen unbelastet bleibt.
Die Erweiterung erfolgt über eine statisch eigenständige Tragstruktur, die den Bestand unberührt lässt. Damit wird die notwendige Belastbarkeit für die Schifffahrt hergestellt und der langfristige Erhalt der historischen Anlage gesichert.

Fazit

Die Realisierung führt die abstrakte statische Entkopplung in eine funktionale Form über: Eine Plattform, die den Bestand schützt und gleichzeitig Raum für die Schifffahrt und den kulturellen Betrieb am See schafft.

Projekt: Anlegestelle Wolfgangsee
Auftraggeber: Verein Ferienhort
Planung: aha. architektur
Planverfasser: Architekt Eduard Neversal Ziviltechniker GmbH
Schiffstechnik: DI Adolf Heidrich
Tragwerksplanung: DI Mitterdorfer, ZT
Baumeisterarbeiten und Stahlbau: Zebau

 

Fotos
Ing. Thomas Leitner
DI Christoph Eisl