Nehmen Sie hoch das Bein, treten Sie ein.
lineares gefälle im bestand
Terrassierung als räumliche Ordnung
Ausgangslage
Das Bellaria Kino besteht aus zwei funktional getrennten Bereichen: Kinosaal und Gastraum. Beide wurden über Jahre unabhängig voneinander entwickelt und bilden kein zusammenhängendes technisches System.
Die vorhandene Infrastruktur ist durch Überlagerungen und nachträgliche Eingriffe geprägt. Lüftung, Leitungsführungen und Einbauten verlaufen fragmentiert, ohne klare Ordnung.
Der Kinosaal ist durch eine gestaffelte Abfolge aus Podesten und Gefällen organisiert. Diese Struktur ist funktional gebunden und folgt der Logik der Sitzanordnung. Im angrenzenden Gastraum setzt sich das Gefälle fort, bleibt jedoch räumlich unbeantwortet.
Möblierung und Nutzung reagieren nicht auf die vorhandene Situation. Der Raum nutzt das Gefälle nicht, sondern steht dagegen.
Eine wirksame akustische Entkopplung zwischen den Bereichen fehlt. Schallübertragungen und unzureichende Raumakustik verhindern einen zeitgemäßen Betrieb.
Prinzip
Der Raum wird nicht nivelliert, sondern geordnet. Das vorhandene Gefälle bleibt bestehen und wird zur Grundlage der räumlichen Organisation.
Der Kinosaal behält seine gerichtete Struktur. Im Gastraum wird das Gefälle aufgegriffen und in nutzbare Ebenen übersetzt.
So entstehen klar gefasste Bereiche zum Sitzen, Verweilen und Bewegen.
Einbauten und technische Infrastruktur folgen derselben Logik und sind Teil der räumlichen Ordnung. Der Bestand wird nicht überformt, sondern gezielt weiterentwickelt.
Schema
Grundriss
Schema
Schnitt
Umsetzung
Umsetzung
Die Umsetzungführt den Bestand über in ein zusammenhängendes System. Konstruktion, Technik und Nutzung werden neu geordnet und miteinander verzahnt. Die Räume werden nicht nur verbunden, sondern auf mehreren Ebenen miteinander verknüpft. Der Gastraum wird vom Durchgangsraum zum eigenständigen Aufenthaltsort – vor, während und nach der Aufführung.
Konstruktion
Eine klar definierte Konstruktionsebene bildet die Grundlage für alle Einbauten. Montageflächen werden in die Struktur integriert und dienen als Träger für technische und räumliche Elemente.
Möbel und Handwerk
Die Möbeleinbauten wurden als integraler Teil der räumlichen Struktur entwickelt und von der ersten Skizze bis zur handwerklichen Ausführung vor Ort persönlich umgesetzt. Diese unmittelbare Verbindung von Entwurf und Bau ermöglichte eine präzise Anpassung an den Bestand. Standardisierte Elemente und wiederkehrende Details integrieren Leitungsführungen und technische Infrastruktur direkt in die Möbelobjekte.
Technik
Die Lüftung wird vollständig neu organisiert. Die Zentrale wird an das stirnseitige Ende des Gastraums verlegt und bildet den Ausgangspunkt für eine klare Zu- und Abluftführung. Die Leitungen werden neu geführt und über eine zusätzliche Öffnung in der Außenwand zum Hof angebunden.
Akustik
Die akustische Trennung wird neu aufgebaut. Mehrschichtige Deckenaufbauten sowie gezielte Maßnahmen in Wandbereichen gewährleisten eine wirksame Entkopplung zwischen den Bereichen und gegenüber dem Bestand. So wird ein gleichzeitiger Betrieb ermöglicht, ohne Beeinträchtigung angrenzender Nutzungen.
Fazit
Aus einer fragmentierten Bestandssituation entsteht ein zusammenhängendes System, das Nutzung, Technik und Raum neu ordnet. Der Gastraum wird vom Durchgangsraum zum eigenständigen Aufenthaltsort und verbindet Kino und Stadtraum zu einer durchgehenden räumlichen Erfahrung.
Mit der aktuellen Neueröffnung findet dieser Prozess seinen Abschluss und das Bellaria Kino kehrt als lebendiger Ort in das Wiener Stadtgefüge zurück.
Projekt: Bellaria Kino, 1070 Wien
Auftraggeber: BDBM OG
Betrieb: Café Liebling / Votiv Kino / Filmladen
Planung: aha. architektur
Kino (Planung): Paul Giuliani, Architekt
Baumeister: RIE-Bau GmbH
Lüftung: H.T. Haustechnik
Elektro: Baycon Bayik KG
Polsterarbeiten: KP Raumausstattung
Foto
Pia Rotter